Artikel von Johannes Zang

Israelisch-jüdische Anwältin Felicia Langer erhält von Palästinenserpräsident Abbas den „Orden für besondere Verdienste“

„Die Jahre des Zorns über das Unrecht machten vielleicht meine Stimme heiser und verzerrten manchmal meine Züge. Aber ich konnte dennoch freundlich bleiben, weil mich die Liebe nie verließ.“ So lauten die Schlusssätze in Felicia Langers Autobiographie Zorn und Hoffnung, ihrem, wie sie meint, wichtigsten Buch. Die Wut hatte die junge Anwältin nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 eine Kanzlei in Jerusalem eröffnen lassen. Fortan verteidigte sie Palästinenser vor israelischen Militärgerichten. Dafür, aber auch für ihren Einsatz gegen Landenteignung, Hauszerstörung, Abschiebung und Folter wurde sie dieser Tage von Präsident Mahmoud Abbas in Berlin mit dem „Orden für besondere Verdienste“ geehrt. Das war für sie, sagt sie unserer Zeitung, „eine große Freude und Genugtuung.“ Die Feierstunde, an der neben Präsident Abbas unter anderen auch ein ehemaliger Mandant Langers sowie ihr Enkel teilnahmen, sei „sehr herzlich, sehr menschlich“, ja einfach „eine wunderschöne Begegnung“ gewesen.  Gestärkt und ermutigt für ihren Menschenrechtseinsatz ist die 81-jährige gebürtige Polin in ihre Wahlheimat Tübingen zurückgekehrt, wo sie seit 1990 lebt.
In jenem Jahr hatte sie die Kanzlei in Jerusalem geschlossen – nach 23 Jahren des Kampfes gegen ein Justizsystem, das sie als Farce erlebt hatte. Im selben Jahr, am 9. Dezember 1990, ihrem 60. Geburtstag, wurde sie mit dem Alternativen Nobelpreis, dem Right Livelihood Award ausgezeichnet.
Nach ihrem größten Erfolg als Anwältin gefragt, entgegnet sie augenblicklich, dass es viele Niederlagen gegeben habe. Dann kommt sie auf den früheren Bürgermeister von Nablus, Bassam Schaka zu sprechen. Dass sie seine Verbannung verhindern konnte, bezeichnet sie als „Pyrrhussieg.“ Bassam, wie sie den palästinensischen Freund nennt, verlor durch einen Sprengsatz einer israelisch-jüdischen Terrororganisation beide Beine. Einmal fragte sie ihn, ob es nicht besser gewesen wäre, er wäre ausgewiesen worden, hätte aber seine Beine noch. Er antwortete ihr: „Du weißt Felicia: Für mich, ohne Beine, aber im Vaterland zu bleiben, ist viel wichtiger.“
Sie selbst hat ihr Vaterland Polen nach der Heirat ihres „Traumprinzen“ Mieciu 1950 in Richtung Israel verlassen. Da ahnte sie nicht, dass sie auch aus der neuen Heimat einmal auswandern würde. Mit ihrem Mann, der fünf Konzentrationslager überlebt hatte, zog sie eine Lehre aus dem Holocaust, die sie mit einem Wort umschreibt: Menschlichkeit. „Wer diese Lehre nicht gezogen hat und sie ignoriert, wie es die israelische Regierung tut, verrät unsere Opfer.“
Es sind diese Sätze, die sie weltweit bekannt machten und die ihr zahlreiche Preise und Ehrungen einbrachten, darunter eine Auszeichnung des Palästinensischen Ministers für Gefängnisangelegenheiten, die Ehrenbürgerwürde der Stadt Nazareth und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, das Horst Köhler ihr 2006 verlieh. Doch wären sie ohne ihr jahrzehntelanges Engagement nur Worthülsen. Die vielen Vortrags- und Interviewanfragen, vor allem seit ihrer Auswanderung nach Deutschland, machten ihr klar, dass sie ihre Sprachkenntnisse erweitern musste. Also lernte sie nach Polnisch, Russisch, Hebräisch, Arabisch und Englisch auch noch Deutsch – als Autodidaktin. Auch hier zeigt sich ihr Wesen: Klarheit, Geradlinigkeit, Willensstärke, gepaart mit Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit. Bei ihrem Appell an das deutsche Volk nimmt sie kein Blatt vor den Mund, wenn sie fordert: „Die israelische gegenwärtige Politik muss sich total ändern, sie muss ihre Friedensresistenz zur Seite schieben, Teil vom Nahen Osten sein, Frieden mit den Palästinensern machen, Frieden mit Gerechtigkeit, das heißt Räumung der Gebiete, die wir okkupiert haben vor 45 Jahren. Anderenfalls wird Israel als Insel der Apartheid im Nahen Osten bleiben, was auch für uns Israelis eine Tragödie ist, nicht nur für die anderen.“
Ihre Stimme ist auch nach fast 50 Jahren des Aufschreis nicht heiser und nicht leiser geworden. Im Gegenteil: sie klingt freundlich, gleichzeitig jedoch ernst und bestimmt.

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